Wir therapieren die Falschen?

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Wir therapieren die Falschen?

Beitragvon Wild Mustang » 22. Januar 2021, 11:30

Ich hab mal ein Buch gelesen, in dem beschrieben wurde, dass evt die falschen Menschen therapiert werden, nämlich die, die durch eine kranke Gesellschaft Probleme bekommen.

Ich habe dazu ein bildliches Beispiel:

Wenn ein Schwein, dass ist Massentierhaltung lebt, sich darüber beklagt, dann wäre es wohl nicht angemessen, dass Schwein in Therapie zu schicken, damit es lernt, mit Massentierhaltung umzugehen (und zu verstehen, warum Menschen das mit ihm tun).

Gruß

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Re: Wir therapieren die Falschen?

Beitragvon Kalliope » 22. Januar 2021, 11:55

@Wild Mustang
Du meinst "Irre - Wir behandeln die Falschen" von Manfred Lütz?
Habe seinerzeit das Buch mit großer Freude gelesen und fühlte mich "bestätigt".
Betrachte die Gesellschaft als krank - zeigt sich gerade in hochpotenzierter Form.
Allerdings gibt es aus meiner Sicht noch viel kränkere Gesellschaften, je nach Ideologie/Religion und Staatsform und der Verwebung von beidem.
"In Wirklichkeit ist der andere Mensch Dein empfindlichstes Selbst in einem anderen Körper" Khalil Gibran
"Das Ideal einer vollkommenen Gesundheit ist bloß wissenschaftlich interessant. Krankheit gehört zur Individualisierung." Novalis

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Re: Wir therapieren die Falschen?

Beitragvon Wild Mustang » 22. Januar 2021, 14:04

Nein, es war ein Buch von Erich Fromm.

Gruß

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Re: Wir therapieren die Falschen?

Beitragvon Insuffizienz » 22. Januar 2021, 15:01

Ich habe einmal überlegt, wenn Therapeuten wirklich die (meisten) Gründe der psychischen Erkrankungen beheben wollten, müssten sie ihren Beruf schmeißen (d.h. die Behandlung der bereits hergestellten Schäden unterlassen) und politische Aktivisten werden - aber das ist höchst unangenehm und damit kommt man in dieser Gesellschaft weniger gut über die Runden. :breites grinsen:

So gesehen fiele mir noch eine weitere Frage als Ergänzung zu deiner Ausgangsfrage ein: "Ist Psychotherapie eine soziale Errungenschaft? - oder ist diejenige Gesellschaft, in der Therapie allenthalben nötig ist, alles andere als eine soziale Errungenschaft?"

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Re: Wir therapieren die Falschen?

Beitragvon Wild Mustang » 22. Januar 2021, 16:05

Insuffizienz hat geschrieben:Ich habe einmal überlegt, wenn Therapeuten wirklich die (meisten) Gründe der psychischen Erkrankungen beheben wollten, müssten sie ihren Beruf schmeißen (d.h. die Behandlung der bereits hergestellten Schäden unterlassen) und politische Aktivisten werden - aber das ist höchst unangenehm und damit kommt man in dieser Gesellschaft weniger gut über die Runden. :breites grinsen:

So gesehen fiele mir noch eine weitere Frage als Ergänzung zu deiner Ausgangsfrage ein: "Ist Psychotherapie eine soziale Errungenschaft? - oder ist diejenige Gesellschaft, in der Therapie allenthalben nötig ist, alles andere als eine soziale Errungenschaft?"


Eine Gesellschaft, in der psychische Krankheiten zu Volkskrankheiten werden und in der "Therapie machen" was ganz normales geworden ist, hat ein Problem, bzw sie IST das Problem.

Allerdings kommt hinzu, dass Versingelung und Vereinsamung, sowie der Wegfall von sozialen und religiösen Strukturen, dazu führt, dass jeder alleine für sich kämpfen muss und dass jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt wird. Das liegt auch am Konkurrenzdenken, Leistungsdenken und am Perfektionsdenken.

Es ist wohl auch , aber nicht nur, ein Großstadtproblem. Massentierhaltung für Menschen halt. Allerdings werden sich halt immer genug Menschen finden, die sich an alles anpassen, egal was es ist. Und nur die werden gebraucht und gewollt.

Gruß

Mustang
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Re: Wir therapieren die Falschen?

Beitragvon orinoco » 22. Januar 2021, 18:14

Wild Mustang hat geschrieben:Ich hab mal ein Buch gelesen, in dem beschrieben
wurde, dass evt die falschen Menschen therapiert werden, nämlich die,
die durch eine kranke Gesellschaft Probleme bekommen.


Wenn man sich die biologischen Hintergründe von psychischen Problemen
anschaut, dann wird das zur Gewissheit. So wie die Ursachen von
psychischen Problemen im sozialen Umfeld liegen, "erkrankt" auch
niemand einfach so psychisch. Eine Individualtherapie behandelt daher
immer nur die Symptome, nie die Ursachen. Siehe auch mein Blog (Link
unten) insbesondere die Artikel "Kann man denn da gar nichts machen?",
"Der Klaviervergleich" und "42".
Verständnis ist für den Traumatisierten, was die niedrige Bordsteinkante für den Rollstuhlfahrer.
t+ - mein Traumablog (nichtkommerziell und werbefrei)
Disclaimer "Lesen auf eigene Gefahr!" - unbedingt lesen!


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